Voll daneben. Setzen „sechs“!

Kommentar zum Interview mit Gloria von Thurn und Taxis in „freiewelt.net“ vom 15. April 2014 zum Thema Sterbehilfe:

Das Interview mit Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, geb. Gräfin von Schönburg-Glauchau kann getrost als neuer Fehlversuch gewertet werden, sich als gesellschaftspolitische Instanz in Deutschland zu profilieren – dieses Mal zum Thema Sterbehilfe.
-Die Beurteilung der aktuellen Gesetzgebung in Belgien zur Sterbehilfe für Minderjährige ist unsachlich, polemisch und damit höchst unqualifiziert. Durchlaucht hätte sich besser vorher einmal mit den Durchführungsbestimmungen des Gesetzes und all ihren  Sorgfaltskriterien vertraut gemacht. Niemand in Deutschland strebt darüber hinaus  ähnliche Regelungen an. Schon das Patientenverfügungsgesetz von 2009 schreibt in Deutschland Volljährigkeit vor.

  • Wer die Menschlichkeit als Argument bemüht, sollte dies ehrlich und konstruktiv tun. Das gebetsmühlenhafte Reklamieren der Defizite im Pflege – und Palliativalltag wird langsam unerträglich. Die Palliativmedizin mit all ihren guten Merkmalen hat leider nur eine begrenzte Reichweite, ist noch lange nicht für jeden verfügbar und wird zudem von vielen abgelehnt.
  • Eine palliative Behandlung im Endstadium des Lebens muss nach Beratung über Alternativen selbstbestimmt gewählt werden können und darf nicht angeordnet werden.
  • Mit dem Wort „Euthanasie“ im Sinne des Dritten Reiches zu argumentieren, ist ebenso in gleichem Maße überholt wie unqualifiziert. Jeder weiß inzwischen, dass dieses Wort in zynischer Weise entgegen seiner wirklichen Bedeutung von den Nazis benutzt worden ist, um kriminelle Handlungen zu rechtfertigen. Bei allem Respekt vor der Haltung ihrer Familie im Nationalsozialismus sollte Durchlaucht hier verantwortungsbewusster und weniger populistisch mit ihren Argumenten umgehen.
  • Niemand hat etwas dagegen, wenn die Kirchen ihre Stimme erheben und sich konstruktiv an der Diskussion über „Sterbehilfe in Deutschland“ beteiligen. Durchlaucht und die Kirchen sollten jedoch nicht vergessen, dass wir in einer säkularisierten Demokratie leben. Sie können für sich und bedingt auch für ihre Mitglieder sprechen, aber keinen Alleinvertretungsanspruch stellen.
  • Wir wünschen uns in Deutschland eine offene, ehrliche und konstruktive Diskussion. Die Sorgen und Ängste Schwerstkranker und Sterbender müssen dabei erste Priorität haben. Pseudo-fundamentalistisches Geplapper hilft keinen Schritt weiter.
  • Das Deutsche Grundgesetz in Artikel 1 und 2 bietet eine vernünftige Ausgangsbasis für eine weitere gesetzliche Regelung der Vorsorgemöglichkeiten am Lebensende. Ihrer Durchlaucht wünschen wir mehr Sach- und Detailkenntnis im Umgang mit dieser Thematik. Nachhilfe in Form von Dialog und Gedankenaustausch ist jederzeit möglich.

Volker Leisten
DGHS – Deutsche Gesellschaft für humanes Sterben
Mitglied des Präsidiums