Riesiger Ansturm auf Podiumsdiskussion Bildergalerie

Fotos: Oliver Kirpal
 
 
 

______

 

 

 

 

Foto: Oliver Kirpal

Riesenandrang bei DGHS-Informationsveranstaltung zum Thema Sterbehilfe in Berlin.

Videozusammenschnitt der Veranstaltung

Zuletzt gab es nur noch Stehplätze. Mehr als 200 Interessierte waren am Montagabend zu der Podiumsdiskussion „Lebenshilfe durch Sterbehilfe: Praktische Erfahrungen aus dem Ausland“ gekommen und nahmen viele interessante Denkanstöße und Informationen mit. Auf Einladung von DGHS e.V., Giordano-Bruno-Stiftung und IBKA, die im Herbst 2014 die Pro-Sterbehilfe-Kampagne „Letzte Hilfe“ gestartet hatten, sprachen neben dem Berliner Arzt Uwe-Christian Arnold noch Bernhard Sutter, Geschäftsführer der Schweizer Sterbehilfegesellschaft „Exit Deutsche Schweiz“ und der niederländische Arzt Dr. med. Aycke Smook, der auch Präsident der Dachorganisation „Right-to-Die-Europe“ ist, über die langjährigen Erfahrungen mit dem assistierten Suizid in ihren Ländern. DGHS-Präsidentin Elke Baezner hatte anfangs die anwesenden Bundestagsabgeordneten und Referenten aus Abgeordnetenbüros begrüßt und sie gebeten, ihre gewonnenen Eindrücke im Parlament weiterzugeben. Doch zunächst erläuterte die Grünen-Politikerin Renate Künast, Vorsitzende des Rechtsausschusses im Bundestag, ihr Positionspapier zu diesem Thema. Vor dem Hintergrund des Wunsches  der CDU/CSU-Mehrheit, organisierte Formen von Suizidbegleitungen zu verbieten, betonte sie, die bestehende Rechtslage im Strafrecht sollte nicht verändert werden. Mit einer Pflicht zur ergebnisoffenen Beratung und einer zu schaffenden Dokumentationspflicht bei Anfragen von Suizidwilligen könne man bereits viel tun, um Intransparenz und Gewinnstreben entgegenzuwirken. Sie wehrt sich dagegen, dass auch Ärzte von einem Verbotsgesetz betroffen sein könnten.  
Der Seitenhieb auf die Regierungsparteien blieb nicht aus: „Die CDU hat sich in den Koalitionsverhandlungen trickreich ausbedungen, dass ein solches Vereinsverbot fraktionsübergreifend angegangen werden soll. Da hat sich die SPD über den Tisch ziehen lassen.“ Gemeinsam mit ihrem Parteifreund Kai Gehring und der Linken-Abgeordneten Dr. Petra Sitte, die ebenfalls anwesend war, plädiert Künast in ihrem Positionspapier dafür, dass das Strafgesetz so bleiben soll, wie es jetzt ist. Dr. Smook erzählte, dass es in den Niederlanden 30 Jahre gedauert hat, bis endlich im Jahr 2002 ein Sterbehilfe-Gesetz vom dortigen Parlament verabschiedet wurde. Der Druck auf die Politik sei von den Ärzten gekommen, denen es um Rechtssicherheit im Umgang mit terminal erkrankten Menschen ging. Seitdem sind der assistierte Suizid und auch die „Tötung auf Verlangen“ in gut begründeten Ausnahmefällen und unter Einhaltung definierter Sorgfaltskriterien nicht strafbar.
In der Schweiz haben die dortigen Sterbehilfe-Organisationen hohen Zulauf und sind seit Jahren gesellschaftlich akzeptiert. Woran dies liegt, erläuterte Bernhard  Sutter, Geschäftsführer von „Exit Deutsche Schweiz“. Die Medizin sei heutzutage viel besser geworden, die Bevölkerung werde immer älter und es gebe einen gesellschaftlichen  Wandel. Menschen, die zeitlebens selbstbestimmt gelebt haben, wollen sich die Art ihres Sterbens nicht mehr aus der Hand nehmen lassen. Sutter betonte, dass die 35 ehrenamtlichen  Freitodbegleiterinnen von „Exit Deutsche Schweiz“ eine einjährige Ausbildung durchlaufen und nicht honoriert werden. Diese Frauen überbringen dem Patienten das tödlich wirkende Medikament erst dann, wenn ein Arzt den Befund akzeptiert und das Mittel rezeptiert hat. Die meisten Freitodbegleitungen erfolgen bei „Exit“ aufgrund von Krebserkrankungen, zu einem Drittel aber auch, wenn durch das Vorliegen mehrerer nicht tödlicher Erkrankungen ein hohes subjektiv empfundenes Leiden vorliegt.
Uwe-Christian Arnold, der als ärztlicher Sterbehelfer in Deutschland agiert, stellte die Situation im US-Staat Oregon vor, der bereits seit 1997 eine Regelung hat, die weitere amerikanische Bundesstaaten inzwischen übernommen haben. Dort muss der Patient urteilsfähig sein, wiederholt seinen Entschluss zum Suizid bekräftigt und eine prognostizierte Lebensdauer von unter sechs Monaten haben. Er persönlich erlebe bei seinen Gesprächen mit Schwerstkranken, dass zwei Drittel eher prophylaktisch geführt werden und nicht unmittelbar zu einer Freitodbegleitung führen. Als Arzt bewegt er sich im legalen Rahmen, solange der Sterbewillige die Tatherrschaft über den eingeleiteten Suizid behält und den anwesenden Arzt ausdrücklich und am besten schriftlich von jedweder nachträglichen Hilfspflicht entbunden hat.  
Aus dem Publikum kamen zahlreiche Wortbeiträge, so von der Witwe eines Chorea-Huntington-Patienten, der sich vom Hochhaus gestürzt hatte, um die Endphase seiner Erkrankung nicht mehr erleben zu müssen. Gefragt wurde auch nach Einfluss-Möglichkeiten, den Bundestag von seinem möglicherweise kommenden Gesetz zum Verbot von Sterbehilfeorganisationen und wiederholt tätigen Ärzten abzuhalten. Die große Mehrheit von CDU/CSU-Abgeordneten deutet auf eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Verbotsgesetz in diesem Jahr noch beschlossen werden könnte. Bevölkerungsumfragen und alle bislang dazu vorliegenden Online-Petitionen fordern allerdings ein Recht auf Letzte Hilfe durch einen Arzt oder eine Organisation. Ob dies die Volksvertreter in den noch ausstehenden Gesetzes-Texten und Debatten berücksichtigen, bleibt zu hoffen. Die DGHS wird deshalb in Zusammenarbeit mit den anderen im „Bündnis für Selbstbestimmung bis zum Lebensende“ engagierten Organisationen weitere Informationsveranstaltungen und Aktionen durchführen. 

...Bildergalerie
...mehr Infos auf den Seiten der HU
...Presse-Kontakt
...Positionspapier u. a. von Renate Künast